"Natürlich wird das Karaoke=Theater scheitern.
Ich will es aber scheitern sehen."
Vorweg geprobte Inszenierungen haben, für sich betrachtet und lässt man zunächst den Einfluss des Zuschauerkollektivs außer Acht, keinen besonders anderen Charakter als ein bloßes Kartenspiel; oder noch billiger: als der Versuch der exakten Reproduktion eines schon einmal gespielten Kartenspiels. In der gewöhnlichen Theaterinszenierung existiert keine Zeit mehr. Die gewöhnliche Theaterinszenierung existiert wie ein Text schon ganz und gar. (das ist bei Film ja auch der Fall)
Und genau wie es einem Leser nicht möglich ist, ein komplettes Buch auf einmal aufzunehmen, er blättern muss und mit den Augen die Buchstaben abtastet, ist es auch nicht möglich, eine Inszenierung einfach auf einen Haps zu konsumieren; sie rollt sich daher langsam ab, suggeriert eine gewisse Form von Gleichzeitigkeit mehrerer Geschehen: dem der Bühne mit ihrer vorgespielten Geschichte und dem des tatsächlichen Zuschauens.
Diese Behauptung der Gleichzeitigkeit ist natürlich ein Konstrukt. Denn die gewöhnliche Inszenierung existiert außerhalb der Zeit. Sie ist ein kleines Utopia der absoluten Regelhaftigkeit. Sie ist immer wieder nur Reproduktion.
(Ich spreche bewußt von der allabendlich ablaufenden schon perfektionierten Inszenierung, wie sie sich ein Theatermacher vom Stadtrand vorstellt, nicht vom komplizierten Decodierungsprozess der jeweiligen Zuschauer!)
Eigentliches Spiel gibt es in diesem Kontext schon, aber das liegt in der Vergangenheit. Sicherlich haben die Schauspieler während des Probenprozesses mit dem Text gespielt, hat der Regisseur mit ihnen gespielt usw. Aber das ist im Moment der fertigen Inszenierung und ihrer Aufführungen vergessen, unerwünscht.
Karaoke funktioniert anders. Casting Shows und Konsorten (vermutlich) auch. Sogar ein nur ganz kurz geprobtes oder schlecht geprobtes Theaterstück funktioniert schon anders.
Statt der glatten und glaubhaften Stimmen der idealen Inszenierung herrscht hier der seltsam gebrochene, verunsicherte oder künstlich sichere Ton vor, der im Moment auch der Grundakkord aller Vormittags- und Frühnachmittags-TV-Produktionen ist.
Ein seltsamer Sound, der gerade auf dem Weg ist. Man spürt seine Prozesshaftigkeit unwillig. Man wird genervt. Man bemerkt mehrere Absichten nebeneinander. Man wird einem Paradox auf die Fährte gebracht, von dem man nichts wissen möchte, macht es einem doch sowieso schon den Alltag sauer.
Trotzdem: Einschaltquote bringen die hybriden Reality Shows und Soaps, mit ihrer natürlichen Künstlichkeit, ihrer gekünstelt einfachen Authentizität, allemal; ein tiefsitzender Voyeurismus, eine Gier, das fremde Scheitern an der echten Authentizität zu beobachten. Das eigene Scheitern wiederzuerkennen, die eigene Unausgegorenheit, dieses niemals fertig sein. Niemals. Glaubhaft sein.
Das Zusammenfallen / Einswerden von Medium (Schauspielender Mensch) und Zeichen (Rolle) in der perfekten Inszenierung* wird gelesen als der Beweis von Virtuosität und vor allem: Naturtalent. Im guten Theater hört das Zögern auf. Die eindeutig falschen Töne sind getilgt. Was bleibt ist größtmögliche "Naturtreue". Wirklichkeit. Wirklichkeit in dem Sinne wie sie lange Zeit (immer noch???) das Idealbild unserer Selbst war.
Der zehrende Wunsch identisch zu sein. Ich bin identisch mit meinem Output. Ich will meinen Output so virtuos, bestenfalls unbewusst, designen, dass er ganz "mir" entspricht.
Ich will die entsetzliche Peinlichkeit, die auftaucht, wenn man mein Ich ein ums andere Mal völlig falsch interpretiert, ein für alle mal abstreifen, hinter mir lassen. Dieses Paradox einer in tausend Schritten konstruierten Einheit von Sein und Schein.
(* übrigens gilt das nicht bloß für z.B. den Rahmen Theater; selbstverständlich sind auch Shows u.ä. perfekt designt, der Showmaster beispielsweise spielt seine Rolle virtuos und also glaubhaft; mehr noch: das Design einer Show, die mit Kandidaten aus der Normalwelt spielt, die keinem Virtuositätstraining unterlegen sind, muss natürlich noch robuster sein, als ein Theaterstück, das die internen Störfaktoren eigentlich fast ganz ausblenden kann...)
Tim Etchells fragt in verschiedenen Texten zu den jüngsten Theater-Arbeiten seiner Gruppe (Forced Entertainment) immer wieder: What do you (das Publikum) want them (die Entertainer) to do for you? Welchen Dienst erweisen mir die Entertainer oder die Darsteller in einem Theaterstück?
Klassischerweise den, mir in der perfekten Inszenierung die Möglichkeit der Identität, dieses traumschöne Utopia vor Augen zu führen.
Ich selbst fühle mich klein und unvollkommen vor solch überwältigender Identität. Dieses Gefühl, des eigenen Mangels setzt aber den Umkehrschluss voraus, dass anderweitig (wie gerade im Kunstprodukt zu studieren) Perfektion herrscht. Unterordnung und Bewunderung folgen, unter / für jeweils das Prinzip, dem die Fähigkeit zur Perfektion zugeschrieben wird.
Früher war daher die perfekte Show zunächst Sache Gottes oder der Religion (Messe, Ritus) dann Sache des Staates, oder der Militärmacht (Paraden, Zeremonien, Hofbälle etc) schließlich der moralischen Allmacht des Bürgertums (Schaubühne, Fernsehen bis in die 90er...).
Langsam aber scheint es, als hätten sich die Utopie und ihre fraglose Bewunderung abgelutscht.
In einer Generation, die schon aus den Enkeln des ersten Fernsehpublikums besteht, ist die perfekte Inszenierung zum allabendlichen Allgemeingut geworden und, langsam aber sicher, noch von jedem Dreijährigen durchschaut (Schatzale, tu doch net weinen, des is doch bloß a Film, des is doch net echt. sowas kommt doch in echt gar net vor...)
Damit wird aber langsam noch jeder Hinterwälder mit den Gedanken an Inszenierung und Selbstdarstellung konfrontiert; möglichst virtuose , ihrer selbst bewusste Selbst-Darstellung und Konstruktion (Design) aller möglichen Ränke und Verwirrungen, was im 15-16. Jhd. vielleicht noch Freizeitbeschäftigung in Versailles war, steigt langsam zum Volkssport auf.
Allüberall bemühen sich Lieschen Müller und Cleopatra Schäufele um Authentizität, um Wirklichkeit, um Identität. (Eigentlich eine sehr demokratische Sache: denn erstmals haben Lieschen und Cleopatra überhaupt das Recht auf Identität!) Aber die zwei sind angeschmiert.
Lissy und Cleo, in der gigantischen Maschine des SuperStarDustCastings (oder auch nur im Irish Pub beim Karaoke Spaß) sind vorgeführte Versagerinnen vor der im Hinterkopf des großen Bruders existierenden Utopie.
Der Herrscher des 15 Jahrhunderts, der Sonnenkönig, der nach seinem Gutdünken den Ball für seine Hofleute inszeniert, hat schon lange abgedankt. Der große Bruder von heute ist nicht mehr menschlich, nicht mehr greifbar und doch so konkret wir nur irgend möglich. Er ist der kollektive Wille und Traum, der sich deutlich ausdrückt im Konsumverhalten. Keiner und Alle. Eine nicht zu beeinflussende Gewalt. Er ist die richtende Instanz. Er ist der Abwesende, das Alter für unser Ego. Der Big Brother ist die Zuschauer in ihrem Kollektivcharakter.
Der Big Brother reißt einzelne Teile seiner selbst, einzelne Zuschauer, aus dem Dunkeln heraus und stellt sie auf seine Bühne; er muß dazu keine Gewalt anwenden. Er ist identisch mit seinen Teilen, die Teile teilen seinen Willen. Sie stellen sich auf die Bühne. Sie singen und tanzen und scheitern; verzückt und jenseits jeder albernen Idee von Menschenwürde huldigen sie mit ihrer Unfähigkeit dem Traum der großen Fähigkeit, der Utopie, der Identität.
Was also ist der Unterschied zwischen der alten, schönen perfekten Bühne, dem lieben anachronistischen und eigentlich schon lange todgeweihten Theater - und der kreischend bunten, vermutlich in einer Kneipe in Südkorea befindlichen Karaokemaschine, mit deren Hilfe Kim Long zu Axel Rose mutiert?
Wo liegt der Unterschied zwischen der feierlichen Traum-Hochzeit zwischen zwei Königskindern und Deutschland sucht den Superstar, Staffel 452?
Sie dienen einem anderen Gott. Sie geben einen anderen Altar, denn das "Alter" hat sich verändert. (damit selbstverständlich auch das "Ego") oder sagen wir: es befindet sich im Begriff, sich zu verändern. (Immerhin existieren noch beide Formen der Huldigung)
Ich habe beide Techniken (Theater / Karaoke) als Techniken der Huldigung beschrieben; ist vielleicht ein wenig plakativ. Insgesamt haben sie mit Identität und Selbstkonstruktion, und mit der Interaktion Individuum / Gesellschaft zu tun, beide. Sie funktionieren beide über etwas Abwesendes, Allmächtiges (daher die Verbindung zu Gott / Altar / Anbetung)
Besonders interessant an Livekonzepten (z.B. Karaoke oder Theater): egal wie albern und blöd das Theaterstück, egal wie schlecht der Karaoke Sänger, man hat den Prozess live vor sich, vor Augen. Es ist ganz nah. Das Wunder ist greifbar. Gleich wird der Wein zu Blut werden und über dem Brot werden die Fliegen anfangen zu schwirren...
Das "Alter" sitzt neben Dir. Du bist das "alter". Dein Finger ruht auf dem "Hopp oder Topp"- Knopf. Und du bist der Schauspieler. Du bist fehlerhaft. Aber du bist in der Lage, etwas fehlerfreies zu imaginieren. Ich will dieser seltsamen Zwischenwelt dort hinterherriechen. Ich will es sehen, hören, zittern spüren. Ich will den unsichtbaren Dritten, den großen Bruder, das "Alter" in seiner allmächtigen Abwesenheit demaskieren. Ich will meine und unsere Verzweiflung über seine Nicht-Existenz laut machen.
Denn Gott ist tot. - Jetzt will ich seine Leiche sezieren. Aber die Leiche ist nicht aufzufinden.
Natürlich ist das zu weit gegriffen. Natürlich ist das alles viel zu pathetisch. Natürlich ist die Wirklichkeit unendlich kontingent. Natürlich ist der Traum von Utopia ein Traum. Natürlich ist dieser Text ein armes Konstrukt.
Natürlich wird das Karaoke=Theater scheitern.
Ich will es aber scheitern sehen.
(c) Husel 2004